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TARPSY - Tarifsystemwechsel in der stationären Psychiatrie

Seit 1. Januar 2018 ist das neue Tarifsystem TARPSY in Kraft. Im Interview erzählt Peter Riediker, Leiter Tarife Zentrale Dienste, kurz vor seiner Pension, wie die Spital Thurgau AG an das Projekt TARPSY herangegangen ist. Er reflektiert Herausforderungen, Erwartungen und was man dem neuen System positives abgewinnen kann.

TARPSY soll die Leistungen, Qualität und Kosten in der stationären Psychiatrie gesamtschweizerisch transparenter machen und für bessere Vergleichbarkeit sorgen. Auf die neue Struktur mussten sich die psychiatrischen Kliniken gut vorbereiten. Die Spital Thurgau AG (STGAG) geht mit gutem Beispiel voran und konnte sehr viele Erfahrungen der SwissDRG-Einführung im Jahr 2012 nutzen, um bestmöglich für den Systemwechsel vorbereitet zu sein.

Herr Riediker, welche Herausforderungen bringt ein solcher Tarifsystemwechsel mit sich und wie sind Sie diese angegangen?

Wie erwartet kam zuerst Widerstand auf, auch Verlustängste der Belegschaft machten sich bemerkbar: Wird es wirtschaftliche Einbussen geben? Kommt es zu Stellenabbau? Welchen Einfluss hat die Umsetzung auf die Patienten? Die aus Deutschland stammenden Mitarbeitenden hatten ausserdem Befürchtungen wegen negativen Erfahrungen mit dem dortigen PEPP-System (Entgeltsystem für den Bereich der Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik). Diese Sorgen und Ängste konnten wir durch den frühzeitigen Projektstart im Herbst 2016 erkennen und in eine positive „Da-mach-ich-mit“-Kultur umwandeln.

Ein weiterer Knackpunkt waren die Systeme: das Berichtsystem, das Fakturierungssystem oder das Medikamenten- und Urlaubserfassungssystem, um nur ein paar zu nennen. Wir waren darauf angewiesen, dass uns die Schnittstellen durch die Systemanbieter programmiert werden. Auch die elektronische Rechnungsstellung mit den Versicherern zeigte sich als Herausforderung, da sie Schwierigkeiten mit der Prüfung unserer Testdaten haben.

Ebenso waren Anpassungen und Schulungen im Berichtwesen nötig, da dieses nun umfangreicher und strukturierter sein muss, um den Anforderungen an eine codiertaugliche Dokumentation zu genügen. Bisher war es ausreichend zu dokumentieren mit welchem Problem der Patient in die Klinik ein- beziehungsweise wieder austrat und wie man ihn behandelt hat. Mit TARPSY spielt nun auch die Erfassung des HoNos-Wertes eine geldwirksame Rolle. Dieser Wert zeigt, wo sich Patienten mit gleicher Diagnose im Alltag und im Umgang voneinander unterscheiden.

Da die STGAG schon seit mehreren Jahren Pilotspital in den verschiedenen Psychiatrie-Tarifmodellen war, konnten wir die möglichen Konsequenzen abschätzen. Bereits im Laufe von 2016 war für uns erkennbar, dass TARPSY mit grosser Wahrscheinlichkeit 2018 kommen wird und in die Verrechnungssystematik des DRG-Systems einzupassen ist. Fünf Projektgruppen arbeiteten seit 2016 an der Einführung von TARPSY und stellten sicher, dass die STGAG im November 2017 startklar war.

Seit 25 Jahren sind Sie nun bei der STGAG. Dadurch haben Sie sicher einige Systemumstellungen miterlebt. Zum Beispiel die SwissDRG-Einführung 2012. Gab es in den Vorbereitungen auf TARPSY Parallelen zur damaligen Einführung des DRG-Systems und konnten Sie diese Erfahrungen für das Projekt nutzen?

Da gab es viele Parallelen. Diese waren unser Vorteil gegenüber eigenständigen Psychiatrien. Im Berichtwesen und im Umgang mit den Kliniken kamen uns diese Erfahrungen zu nutzen. Denn wenn diese Prozesse in grossen Akuthäusern funktionieren, dann sollten sie dies auch in den Psychiatrien.

Neu müssen auch bei TARPSY Rückweisungen und Rückfragen der Versicherer durch die Codierer der Klinik abgeklärt, dokumentiert und begründet werden. Hierzu haben wir die bestehende Software aus dem Akutbereich mit den nötigen Funktionen ergänzt. Einfache Umsetzungen dieser Art waren nur möglich, da die Projektmitglieder aus der Informatik oder dem Finanzwesen dank der Einführung von SwissDRG bereits mit den Systemen gut vertraut waren.

Im Interview: Peter Riediker, Leiter Tarife Zentrale Dienste, Spital Thurgau AG

Im Interview: Peter Riediker, Leiter Tarife Zentrale Dienste, Spital Thurgau AG

Auch wenn die STGAG gut auf die Systemumstellung vorbereitet war, kam es sicher trotzdem zu Mehraufwand. Welche Änderungen haben sich durch TARPSY ergeben und welche Prozesse mussten angepasst werden?

Die Berichtschreibung sowie die Urlaubs- und auch Medikamentenerfassung waren früher zweitrangig. Beispielsweise wurden Medikamente meist nicht erfasst, sondern einfach abgegeben. Urlaubstage wurden unvollständig und nicht systematisch erfasst. Heute haben wir EIN System für alles! Die neue Urlaubsregelung und damit zusammenhängende Dienstplananpassungen erforderten rund 10 zusätzliche Stellen in den Bereichen Arzt, Pflege und Therapie.

Das einheitlich strukturierte und ausgebaute Berichtwesen bedarf nun rund 100 Stellenprozente mehr im Sekretariat. Das Personal musste für die neue Struktur und wegen der anschliessenden Codierung geschult werden.

Das zentrale Codierteam wurde ebenfalls aufgestockt. Dafür konnten wir intern eine Psychiatrie-Ärztin gewinnen, welche sich mit dem Codierhandwerk vertraut machte. Vorschläge im Berichtwesen kamen dank ihres medizinischen Wissens von fachlich kompetenter Seite. Dieses wird uns auch bei allfälligen Rechnungsrückweisungen und Berichtanforderungen behilflich sein.

Der zusätzliche Aufwand ist also nicht ganz zu vernachlässigen. Welche Erwartungen haben Sie im Gegenzug an das neue Abgeltungssystem unter TARPSY und was kann dem System positives abgewonnen werden?

Das System ist im Grundsatz erstmal gut, auch wenn es noch Schwachstellen aufweist. Die Bandbreite der verschiedenen Patientenintensitäten ist noch etwas schmal abgebildet. Ich gehe davon aus, dass man in fünf Jahren doppelt so viele PCG‘s, also Kostengruppen, hat.

Das Positive an der neuen Struktur ist, dass der unterschiedliche Ressourcenbedarf abgebildet wird. Krankheits- und Therapie-Schweregrad werden strukturiert ausgewiesen und sind somit zumindest bedingt mit anderen Kliniken vergleichbar. Auch Altersmerkmale lassen sich besser abbilden.

Die Umstellung auf TARPSY - nicht das System als solches - hat intern viele organisatorische, therapeutische und administrative Fragen aufgeworfen. Es hatte mich sehr gefreut, dass diese äusserst kreativ und kooperativ über Hierarchie- und Berufsgruppen hinaus angegangen wurden. Dabei entstanden gute Therapieansätze und zum Teil schon länger anstehende Anpassungen wurden umgesetzt.

Mit dem neuen Abgeltungssystem hat auch ein Paradigmenwechsel im Bereich der Kostengutsprache stattgefunden. Zur grossen Erleichterung der Klinik-Mitarbeitenden sind die Kostengutsprache-Verfahren durch ein Eintrittsmeldeverfahren ersetzt worden. Dies bedeutet weniger administrativen Aufwand und mehr Zeit für die Patienten. Diese Umstellung erfolgt versicherungsspezifisch und ist bis jetzt gut angelaufen. Fragen zur Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit respektive zur OKP-Pflicht werden so allerdings erst bei Rechnungsstellung auftauchen. Wir erwarten, dass solche Fragen durch die Versicherer fachkompetent und mit Augenmass beurteilt werden und sich im Laufe der Zeit eine Rückfragekultur einstellt, welche die Klinik bzw. die Codierstelle nur in wirklich unklaren Fällen beschäftigen wird.

Für TARPSY musste nun ein neuer Tarifvertrag her. Wie haben Sie die Verhandlungen und die Zusammenarbeit mit der Einkaufsgemeinschaft HSK erfahren?

Einerseits durfte ich bei HSK immer mit sehr sympathischen Menschen verhandeln und nicht «nur» mit einer Organisation. Andererseits ist bei Tarifverhandlungen eher langfristig zu denken. Umso wichtiger ist das mit HSK bestehende Vertrauen, welches über die letzten Jahre aufgebaut werden konnte. Diese Basis führte unter anderem zu einem gemeinsamen Workshop zum Thema TARPSY, wodurch auf gleicher sachlicher Ebene verhandelt werden konnte.

Ich danke Ihnen für das spannende Gespräch, Herr Riediker, und wünsche Ihnen alles Gute für Ihre bevorstehende Pensionierung.

Interview: Isabel Riedel-Schulz

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